Orgelmusik vom Feinsten mit Matthias Eisenberg

(16.09.2012) Göttingen. Selbst ohne größeres Orgelmusik-Fachverständnis konnte der Zuhörer am Sonntag, 16. September, in der neuapostolischen Kirche in Göttingen mit in das Fazit einstimmen: Mit Matthias Eisenberg begeisterte, erstaunte und berührte an diesem Abend einer der bedeutendsten Orgelvirtuosen unserer Zeit seine Zuhörer.

Den Anstoß für dieses Konzert der besonderen Art hatte die Veranstaltungsreihe „Göttinger Psalter“ der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Göttingen gegeben. Daraufhin war seitens der neuapostolischen Kirchengemeinde in Göttingen eine Einladung an Matthias Eisenberg ergangen. Zu Beginn des Konzerts spielte er die Sonate über Psalm 94 von Julius Reubke (1834–1858). Ein weiterer Schwerpunkt dieses Abends bildete nach dem etwa 25-minütigen Werk von Reubke ein „Wunschkonzert“, in dem eine Auswahl zuvor abgegebener Lieder frei improvisiert wurde.

Nach einer kurzen Moderation durch Michael Free (Diakon und einer der Organisten in der Gemeinde Göttingen) und der Werkeinführung zusammen mit Matthias Eisenberg erklang düster das Thema der großen Sonate in der Kirche. Man merkte sofort, dass das folgende Stück von Julius Reubke keine muntere Heiterkeit verbreiten wird. Matthias Eisenberg saß still und entspannt auf der Orgelbank. Doch schon gleich zu Beginn des Stücks erzeugte er hörbar nach den ersten Takten aber auch sichtbar durch seine Körpersprache eine gespannte, erwartungsvolle Stimmung in der halbdunklen gut gefüllten Kirche und fesselte die Zuhörer. Düster und leise, mit nur wenigen Registern, verklang zum zweiten Mal das Thema, dann wurde es laut. „Herr, Gott, des die Rache ist, erscheine.“ Es ist sein Ding, und er beherrschte das Werk von der ersten bis zur letzten Note, vermochte Dynamik und Agogik (Anmerk.: Agogik = die Kunst der Veränderung des Tempos) richtig zu dosieren und hielt damit die Zuhörer in Atem. Unmittelbar nach dem Schlussakkord konnte man ein großes Aufatmen im Raum spüren, noch bevor der verdiente Applaus einsetzte.

Der zweite Teil des Konzerts widmete sich der Improvisationskunst Eisenbergs. Fünf Lied-Themen wurden aus einer Anzahl von Wünschen willkürlich gezogen und Eisenberg verlieh ihnen ein völlig neues Gesicht – raumfüllend, einfühlsam und immer wieder beeindruckend überraschend. Für die erste Improvisation über „Ein' feste Burg ist unser Gott“ wählte er die Form eines Präludiums mit Fuge, Barock angehaucht, aber unverkennbar Eisenberg. Weitere Themenwünsche des Abends waren „Jesu, meine Freude“, „Ich bete an die Macht der Liebe“, „Das sei alle meine Tage“ und „Näher, mein Gott, zu dir“.  

In einem Geflecht aus Kanons, Durchmischung der Stimmen von Sopran- bis in die Basslage waren die Themen für die Zuhörer nicht immer leicht zu verfolgen, aber Witz, Esprit und Einfallsreichtum Eisenbergs überzeugten. Stehende Ovationen belohnten seine harte Arbeit am Instrument. In das Abschlusslied „Abend ward, bald kommt die Nacht“ stimmten auf Wunsch des Organisten die Zuhörer mit Gesang ein. Als Zugabe konnte ihm Bezirksevangelist Scheuchzer, Vorsteher der Gemeinde, noch eine Improvisation über „Amazing Grace“ mit den Worten „ob er denn auch etwas Volksnahes spielen könne“ entlocken. Matthias Eisenberg ließ sich nicht lange bitten und beendete das Konzert mit einer zehnminütigen, spritzig lebhaften Improvisation über das gewünschte Lied und entließ sein begeistertes Publikum nach zwei Stunden Orgelmusik vom Feinsten.

 

Über Prof. Matthias Eisenberg

Matthias Eisenberg stammt aus einem traditionsreichen, musikalischen Umfeld. 1956 wurde er in Dresden geboren. Seit seinem fünften Lebensjahr erhielt er Klavierunterricht und nach den ersten Versuchen an der Orgel war er schon ab dem neunten Lebensjahr Organist in seiner sächsischen Heimatstadt und in verschiedenen umliegenden Kirchengemeinden sowie dann fünf Jahre lang Mitglied des Dresdner Kreuzchores.

Er studierte in Leipzig an der Hochschule "Felix Mendelssohn Bartholdy" bei Wolfgang Schetelich. Eisenberg ist Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe. Auf der Grundlage seines umfassenden, jederzeit abrufbaren Repertoires hat er sich für einen Organisten ungewöhnliche Popularität erspielt. Zudem gilt er als Meister der freien Improvisation. Bei zahlreichen Orgelneubauten und -renovierungen wird er als Orgelspezialist hinzugezogen.

1980 wurde Eisenberg als Gewandhausorganist zu Leipzig verpflichtet, wo er gleichzeitig als Cembalist des Leipziger Bachchores war. 1986 erfolgte die Übersiedlung in den Westen Deutschlands. Nach kirchenmusikalischer Tätigkeit in Frankfurt am Main und Hannover konzertierte er als Organist und Cembalist und spielte zahlreiche Rundfunk- und CD-Produktionen ein. Konzertreisen führen ihn in viele europäische Länder, außerdem in die USA, nach Kanada, Lateinamerika, Indien, Russland und Fernost.

Von 1992 bis 2004 war Eisenberg Kirchenmusiker in St. Severin in Keitum (Sylt). Von dort setzte er seine Konzerttätigkeit auf dem Festland unvermindert fort. Zu einem geradezu triumphalen Erfolg wurde im Januar 2001 sein erster Auftritt nach 15 Jahren im Leipziger Gewandhaus. 2003 wurde Matthias Eisenberg zum Professor und Kirchenmusikdirektor ernannt. Seit November 2004 ist er Kantor und Organist an der Luther-, Moritz- und Johanniskirche in Zwickau. 

 

Über die Kirchenorgel in Göttingen

Im Herbst 1989 begannen die Planungen zum Bau einer neuen Orgel in Göttingen. Bezirksapostel Arno Steinweg und der damalige Apostel Wilfried Klingler hatten den Wunsch, dass alle Bezirkskirchen mit Pfeifenorgeln ausgestattet werden sollten. Analog zu den neuapostolischen Kirchen in Braunschweig und Hannover sollte auch in Göttingen eine sogenannte kombinierte Pfeifen-Computerorgel eingebaut werden. Es handelt sich um einen Orgeltyp, der Register mit klingenden Pfeifen besitzt, die durch Samplingregister (elektronische Register, die durch Digitalisierung aus klingenden Pfeifenregistern gewonnen werden) ergänzt werden. Eine solche Bauweise war aus damaliger Sicht und aus Kostengründen eine vertretbare Alternative gegenüber einer Orgel mit dem gleichen Registerspektrum, die ausschließlich klingende Pfeifen besitzt. Am 15. Januar 1991 wurde der Orgelbaufirma Wilhelm Sauer (Frankfurt a.d. Oder) für die Pfeifenregister und der Ahlborn Orgel GmbH, Heimerdingen bei Stuttgart für die digitalen Register, ein entsprechender Auftrag erteilt. Der Aufbau der Orgel begann am 14. Oktober 1991 und war schon nach wenigen Wochen beendet. Die feierliche Übergabe der neuen Orgel fand im Beisein von Bezirksapostel Steinweg und Apostel Klingler im Rahmen eines Sängertreffens am 17. Dezember 1991 statt. Im Zusammenhang mit dem Orgeleinbau wurde auch die Altarfront mit einer Kupferplatte des Witzenhäuser Künstlers Gerhard C. Kohlstädt (1920–2003) versehen.

akli., MF / Bilder: akli.

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